Grundsätzliches
Beobachtungen
1. Vor zehn Jahren etwa noch beschrieb man die Notwendigkeit von Schulseelsorge mit dem Hinweis darauf, dass im Bezugsfeld Schule kirchliche Vollzüge angeboten werden müssten, weil der Einzugsbereich der weiterführenden Schulen viele Kirchengemeinden umfasse und deshalb neue personale Beziehungen entstünden, die es zu fördern und zu pflegen gelte; man fand auch schon einmal den Hinweis darauf, dass sich mancher Jugendliche seiner eigenen Gemeinde entfremdet habe, über die Schulseelsorge aber auf kirchlichem Boden verhaftet bliebe. Seitdem hat sich die Situation verschärft. Es geht häufig nicht mehr um die Alternative, ob jemand sein kirchliches Bezugsfeld in der Gemeinde oder in der Schule sucht; denn die Struktur der Gemeinde hat sich zu einem großen Verwaltungsareal entwickelt und löst sich damit vom personalen Bezugsfeld ab. In der traditionellen Gemeindestruktur gab es pro Pfarrei den Pfarrer, den Kaplan, den Subsidiar; in der Regel war der Kaplan für die Jugendarbeit in seiner Gemeinde zuständig. Heute gibt es diese personelle Besetzung, ergänzt durch Diakone und Gemeindereferenten, für zwei bis vier Pfarreien. Das Zitat "Ich kenne meine Schafe" (Joh 10,27) dürfte häufig nicht mehr zutreffen. Außerdem - ganz unabhängig von Gemeindestruktur - finden viele in der Kirche/Gemeinde keine Heimat mehr.
2. Eine weitere Schwierigkeit ist darin zu sehen, dass Kirchlichkeit in unserer Gesellschaft im Schwinden begriffen ist, einmal deshalb, weil in der technisch und naturwissenschaftlich denkenden und auf das Machbare fixierten Gesellschaft wenig Platz für transzendente Erfahrungen bleibt oder diese zumindest schwierig sind, zum andern, weil Kirche häufig zu sehr in einseitigen Handlungsmodellen stecken bleibt, bei denen das inhaltliche Schwergewicht auf Ausübung des Glaubensvollzugs und der christlich-sittlichen Lebensführung liegt; die Seelsorge konzentriert sich zu sehr auf die Geistlichen (kennzeichnend dafür ist die organisatorische Zusammenlegung von Pfarreien, damit auf der diözesanen Landkarte das Prinzip Gemeinde flächendeckend erhalten bleibt), Diakone und Laienmitarbeiter (Pastoralreferenten) sind deshalb kein gleichwertiger Ersatz, weil sie - kirchenrechtlich gesehen - nicht wirklich Gemeinde leiten können und nicht voll liturgiefähig sind.
3. In unserer Gesellschaft wird häufig über eine sehr ausgeprägte Individualisierung und über das Desinteresse des Einzelnen an gemeinsamen Anliegen geklagt, über "Politikverdrossenheit" oder Verbandsverdrossenheit (außer Stammtisch). Das Image des Wortes Individualität wird wohl manchmal zu negativ gesehen, weil es als Beschreibung einer gesellschaftlichen Befindlichkeit gleichgesetzt wird mit dem Rückzug aus der sozialen Verantwortung. Individualität hat aber auch eine ausgesprochen positive Sichtweise, nämlich eigene schöpferische Wege suchen - in Fragen und Problemen, die ich - aus meiner Sicht - wahrnehme, für die ich persönlich mich angesprochen fühle und bei denen ich nach mir eigenen Möglichkeiten der Hilfe suche. Aus dem Kirchenverständnis der Einheit in der Vielfalt - ein Gott, aber viele Glaubenserfahrungen und Glaubenswege und viele Möglichkeiten, sich zu beteiligen, würde sich sicher ein Weg ergeben, persönliche Individualität und Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft zusammenzubuchstabieren.
4. Religiöse Sozialisation, d.h. das selbstverständliche Hineinwachsen in Glaubensbeziehungen, ist nicht mehr ohne weiteres gegeben. Die Mehrzahl der Menschen steht der Kirche mit Abstand, manchmal auch mit Misstrauen gegenüber. Ein langer Entfremdungsprozess ist dem vorausgegangen. Zwar wird das Christentum kognitiv bejaht, aber es führt nicht zu Überzeugungen, die sich in konkretes Handeln umsetzen. So äußerten sich nach einer Allensbach-Umfrage (bereits von 1979!, Allensbacher Archiv, IfD Umfrage 3065) 85 % der Eltern positiv zum Religionsunterricht, aber nur 20% waren auch bereit, selbst etwas für das Glaubensleben in der Familie zu tun. Dieser Trend hat sich bis heute noch eher verstärkt. Das Ergebnis dieses Entfremdungsprozesses ist religiöse Sprachlosigkeit, die Unfähigkeit vieler Menschen, Religion in einem Bezug zu ihrem Leben zu sehen, aber auch die Unfähigkeit mancher Kirchenmenschen, die traditionelle Belehrungs- und Bekehrungsstrategie zu ersetzen durch einen kommunikativen Umgang miteinander, in dem auf die eigenen Erfahrungen der Menschen gehört wird; gemeint ist die Flexibilität, jemanden da abzuholen, wo er sich befindet.