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Was ist geistige Behinderung?
"Geistige Behinderung ist etwas Unvorstellbares, etwas eigentlich Undenkbares. Was wir uns bei ihr vorstellen und denken sind nur Negationen und sind nur Nebenerscheinungen - nie Positivitäten." (Otto Speck frei nach K.Jaspers)
Aufgrund der fehlenden Kommunikationsmöglichkeiten mit den Betroffenen und ihrer Unfähigkeit, über ihren Zustand Bescheid zu geben, lässt sich schwer sagen, was geistige Behinderung eigentlich ist.
Nur über den Geistigbehinderten wird geredet, nicht mit ihm.
Klar muss jedoch allen "normalen" Menschen sein, dass Geistigbehinderte trotz aller Defekte, Mängel und Abweichungen immer noch, und in besonderer Weise, menschliche Wesen sind.
Diese Einstellung ist keineswegs geläufig, und gerade in der medizinischen und psychologischen Fachliteratur zu diesem Thema drängt sich dem Leser der Verdacht auf, dass in diesen Wissenschaftsgebieten besonders unmenschlich über Geistigbehinderte gedacht und gesprochen wird. Allein die Wortwahl, mit welcher Erscheinungsformen und Eigenarten geistiger Behinderung beschrieben werden, zeigt die oft vorurteilbelastete Einstellung der Wissenschaft und der Öffentlichkeit zu diesem Personenkreis.
Aber worum handelt es sich bei geistiger Behinderung eigentlich? Bei dem Versuch das Phänomen geistiger Behinderung zu erfassen, unterscheidet der Sonderpädagoge Prof. Dr. Otto Speck allgemein vier Formen geistiger Behinderung:
Eindrucksfähiges Geistigbehindertsein
Diese Menschen können Eindrücke der Außenwelt aufnehmen und, auf welche Weise auch immer, verarbeiten. Diese Verarbeitung ist (noch) nicht messbar, doch kann man davon ausgehen, dass diese Geistigbehinderten erlebnisfähig sind, d. h. sie können erleben, auch wenn sie keinen Weg finden, sich zu äußern.
Dennoch können sie in ihrem hilflosen Schweigen von einem sensiblen Partner verstanden werden und erhalten dadurch ein Ich-Gefühl und ein Du-Gefühl.
Ausdrucksfähiges Geistigbehindertsein
Diese Menschen können sich in irgendeiner Form ausdrücken, sei es durch einfache Laute und Silben oder durch non-verbale Kommunikation, d. h. durch Gestik und Mimik, Lachen und Weinen, Angebot und Verweigerung grundsätzlicher Verhaltensweisen - ohne Worte. Eine solche Verständigungsmöglichkeit erleichtert die Begegnung mit Geistigbehinderten um ein Vielfaches. Unter den beiden eben genannten Gruppen sind schwere Formen geistiger Behinderung zu verstehen, d. h.: äußerste Einengung des Lernfeldes, gewöhnungsgebunden, Intensiv- bzw. Einzelförderung nötig, in sozialer Hinsicht total abhängig, vielfach bettlägerig, erheblich pflegebedürftig.
Gewöhnungsfähiges Geistigbehindertsein
Den Angehörigen dieser Gruppe ist es möglich, ganze Verhaltensabläufe zu erlernen. Die Erziehung des geistig behinderten Kindes vermag hier die eindrucksvollsten Ergebnisse vorzuweisen. Die Sprache ist bei diesen Menschen durchgängig vorhanden und läuft parallel zu den anerzogenen Handlungsabläufen, d. h. sie reden über die Dinge, die sie tun, sehen und anfassen können.
Die Gefahr bei diesen Menschen ist, dass sie aufgrund der Sicherheit ihres Auftretens oft überschätzt und damit von ihrer Umwelt überfordert werden.
Sozial handlungsfähiges Geistigbehindertsein
Sozial handlungsfähige Geistigbehinderte sind in der Lage, spontan und kreativ zu handeln und kurzfristig von erlernten Handlungsabläufen abzuweichen. Auch ihre Sprache hebt sich von der Handlung ab und kann eigene Vorstellungen und Bedürfnisse formulieren. Der einzelne kann seine Identität, sein Ich-Bewußtsein, seine Besonderheit in Worte fassen und zum Ausdruck bringen.
Die letzten beiden Gruppen sind Durchschnittsformen geistiger Behinderung: d. h. deutlich erkennbare Lernfähigkeit innerhalb eines auf die wichtigsten Gruppen eingeengten Lernfeldes (Familie, Klasse, Heimgruppe, Werkstattgruppe), sozial unselbständig.
Der geistig behinderte Mensch unserer Tage sieht sich in den meisten Bereichen seines Lebens bevormundet und gezwungen, seine Wünsche und Bedürfnisse zurückzustellen, da vieles von seiner Umgebung als »gegeben und vorgegeben« bereits entschieden ist.
Könnte er mehr von sich sagen, er hätte allem Anschein nach nur einen Hinweis zu geben: er möchte ernst genommen werden.
Er wird zeit seines Lebens Schwäche zeigen, das ist seine Situation. Er hat erfahren, dass er damit Stärke provoziert bei denjenigen, die zu »anderem« Verhalten noch nicht fähig und nicht bereit sind.
Dennoch: Er empfindet Trauer über sein Anders-sein.
Etwa 0,6% aller Kinder sind geistig behindert, d. h. 6 von 1000 schulpflichtigen Kindern werden in entsprechende Sonderschulen eingeschult.
Der Prozentsatz der eindeutig vererbbaren geistigen Behinderung ist minimal. Im allgemeinen entsteht geistige Behinderung durch Schädigung des Kindes vor der Geburt (z. B. durch Alter, Krankheit oder Vergiftung der werdenden Mutter bzw. genetische Fehlentwicklung des Embryos), während der Geburt (z. B. durch Nabelschnur-Komplikationen, Zangenentbindungen, Frühgeburten und ungenügende Vorsorgemaßnahmen während der Schwangerschaft), und nach der Geburt (z. B.: durch Kreislauf- und Stoffwechselstörungen beim Säugling oder durch Infektionen und Unfälle).
Es ist sehr wichtig, dass geistige Behinderung möglichst bald erkannt und diagnostiziert wird, denn die pädagogische Förderung geistig behinderter Kinder hat ihre besonderen Chancen während der frühen Phasen der kindlichen Entwicklung. Folgende Punkte sind erwiesen:
- Das Lernen eines Kindes ist in entscheidendem Maße von den direkten und indirekten Anregungen abhängig, welche das Kind aus der Umwelt erhält.
- Die günstigste Zeit für die Aufnahme von Umweltreizen sind die allerersten Lebensjahre eines Menschen.
- Lernangebote, die zu spät kommen, wenn das Kind also bereits zu alt ist, haben kaum noch Erfolg.
Die Frühtherapie stellt bei geistig behinderten Menschen eine wichtige Voraussetzung der Früherziehung dar.
Sie beinhaltet die Behandlung von organischen Schädigungen und eine Förderung des körperlichen Gesamtentwicklungszustandes zum Beispiel durch Hygiene, Krankengymnastik, Diät und Medikamente. Entscheidend ist bei der Frühtherapie auch die Beratung der Eltern des betroffenen Kindes. Sie ist dringend notwendig, weil diese oft mit der schwierigen Situation nicht umgehen können und verzweifeln.