Compassion

Inhalt

Umgang mit Verwirrten

1. Entscheidend ist die Einstellung zum Verwirrten. Der Verwirrte ist ein verletzlicher, feinfühliger, verunsicherter und anders als wir erlebender Mensch... Alles, was der Verwirrte denkt, fühlt, sagt oder tut, ist für ihn im Augenblick genauso gut, richtig und stimmig wie das, was wir denken, fühlen oder tun. Wie jeder einzelne seine subjektive Wahrnehmung der Realität hat, so auch der Verwirrte. Jeder erlebt seine Realität, nicht eine objektive. Lohnt es sich, mit dem Verwirrten zu streiten, was er anders erlebt als wir? Der Verwirrte will akzeptiert werden, so wie er ist.

Auch chronisch Verwirrte sind lernfähig, trainingsfähig, auch wenn es länger dauert und viel Geduld erfordert, eine zeitweise Verschlechterung kann aufgehalten werden.

2. Jede Pflegetätigkeit ist Gelegenheit zum Gespräch, zur Information, alle Verrichtungen werden erklärt, um die Angst des Verwirrten abzubauen.

3. Auch die nicht-sprachliche Kommunikation ist konstant zu halten: Blickkontakt bei jeder Pflegehandlung, aktives Zuhören und Berühren des Kranken. Durch die verschiedenen Kommunikationskanäle kann Kommunikation noch aufrechterhalten werden, wenn der Kranke nichts mehr zu verstehen scheint.

4. Jede Kritik an einem noch so verwirrten Verhalten ist zurückzuhalten! Alles, was der Verwirrte richtig macht, ist zu loben, seine Restfä­higkeiten sind zu stärken. Das Selbstwertgefühl des verunsicherten Verwirrten wird z. B. durch gepflegtes Äußeres verbessert.

5. Kontinuität sollte erhalten bleiben. Der Verwirrte muss das Gefühl der Verlässlichkeit haben, er braucht eine konstante Bezugsperson, besonders bei Krankenhaus- oder Heimeinweisung und -entlassung. Ein ständiger Pflegerwechsel ist verwirrend. Eine stabile verlässliche Ordnung, um sich orientieren zu können, ist durch einen gleich bleibenden Tagesablauf möglich: z. B. Aufstehen, Waschen, Baden, Essen, Spazierengehen, Übungen zur gleichen Zeit, die Gegenstände liegen am selben Ort. (...) Jede Unordnung oder Widersprüchlichkeit verschlimmert das heillose Durcheinander.

6. Da für den Verwirrten das Erleben des eigenen Körpers sehr wichtig ist, sollten Pflegende für Körper-, Haar-, Mund-, Zahn-, Fußpflege, für Verdauung und Wasserlassen, für Hörapparat oder Brille, für Ernährung und Trinken (herabgesetztes Durstgefühl!) und für die Medikamente sorgen sowie die körperlichen Bedürfnisse berücksichtigen.

7. Auch der Verwirrte muss die Möglichkeit behalten, selbst etwas zu entscheiden, etwas zu kontrollieren, z. B. was er heute anzieht, isst, im Fernsehen anschauen will usw.

8. Pflegende sollten mit dem Verwirrten trainieren, ihn fordern, kurz und oft ist besser als einmal lang, regelmäßig ist besser als gelegentlich, kontinuierlich, d. h. auch am Wochenende, ist erfolgreicher als unterbrochen durch eine Wochenendpause, von allen Pflegenden ist überzeugender als nur von einzelnen. Wenig Erfolg haben Trainingsprogramme, die ein Pflegender von der Fortbildung mitbringt und einführen möchte, wenn die anderen sich aber skeptisch gegen alles Neue wehren.

9. Der Verwirrte braucht einfühlendes Verstehen, viel Toleranz, Gele­genheit, sich auszusprechen oder ausweinen zu können. Wenn er sagt, „Heute kommt meine Mutter!“, kann der Pflegende z. B. mit Eingehen auf die Gefühle reagieren: „Sie sehnen sich nach Ihrer Mutter!“ oder „Es wäre schön, wenn sie noch kommen könnte!“ Die harte Konfrontation „Ihre Mutter ist schon lange tot, ich gehe mit Ihnen zum Friedhof!“ ist für den Verwirrten in diesem Augenblick schwer zu ertragen, bricht die Kommunikation ab.

10. Strukturierung der Umgebung: Wie ist die Umgebung zur Erleichterung der Orientierung zu verändern? Die Ordnung des Kranken ist zu respektieren, wenn er sich darin zurechtfindet. Die Orientierung wird erleichtert durch große Uhren, Kalender, Tagespläne, Wandtafeln mit Angaben zum Datum, zum Wetter, zu Festtagen, zu Ereignissen, Veranstaltungen oder auch zum Mittagessen.

Lange Wandspiegel erhalten die Identität des Verwirrten, er kann dann auch z. B. seine Kleidung korrigieren.

Namensschilder an den Zimmertüren und an der Kleidung der Pflegenden verhindern Verwechslungen! Hinweisschilder zeigen den Weg zur Toilette, zum Bad, zum Speisesaal. Persönliche Symbole kennzeichnen Kleidung, eigenen Besitz oder das eigene Zimmer. Eine Handtasche mit persönlichen und wertvollen Dingen unter dem Kopfkissen gibt Sicherheitsgefühl.

Farbige Bettwäsche, farbige Wände, Zimmertüren, Vorhänge dienen zur Orientierung, wenn Farbsysteme eingehalten werden.

Die Jahreszeiten können durch Blumen, Blätter, Tannenzapfen usw. ins Zimmer geholt werden.

Pflegestationen sollten ebenerdig liegen, um einen Spaziergang im Garten zu ermöglichen. Die Zimmertür sollte immer mal wieder offenbleiben, damit Bettlägerige durch Geräusche das Gefühl behalten, dazuzugehören.

Jede Veränderung der Umgebung ist langsam vorzubereiten, um einer erneuten Desorientierung vorzubeugen.


(nach: Erich Grond)

Autor: Kn | Photos: - | Letzte Aktualisierung: 20.05.2008<< Vorherige Seite || Nächste Seite >>