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Mit Schwerhörigkeit leben
Schwerhörigkeit ist vielleicht die am meisten verkannte menschliche Behinderung. Trotz ihrer großen Häufigkeit, trotz guter fachlicher Kennerschaft ihrer ursächlichen Grundlagen und trotz heute sehr weit entwickelter diagnostischer und therapeutischer Hilfsmöglichkeiten hinterlässt sie bei Betroffenen vielfach unbekannte und ungeahnte psychische und soziale Hilflosigkeiten, Lebenserschwernisse, leidens- und Konfliktbetroffenheiten. Der folgende Beitrag will darüber aufklären und um Verständnis werben. Denn ein verstandenes leid ist leichter zu ertragen als eins, mit dem man ständig auf Unverständnis stößt und sich vor erklärende oder entschuldigende Rechtfertigungen gestellt sieht. Verstandenes leid kann auch dazu beitragen, störungskompensierende mitmenschliche Umgangsformen zu entwickeln, die dem Schwerhörigen Unsicherheit und dem Hörenden Ungewissheit nehmen.
Wenn man bedenkt, dass Schwerhörigkeit die normale sprachliche Verständigung erschwert und die Fähigkeit zum freien mitmenschlichen Umgang behindert, wird man sie leicht als Grundlage und Wegbereiter einer sozialen Beziehungsstörung erfassen - und kommt damit dem Selbstverständnis der Betroffenen ein großes Stück näher. Dem Hörgesunden kann hier ein Vergleich mit strukturell ähnlichen Erfahrungsmöglichkeiten aus dem Leben jedermanns ein einfühlendes Erkennen noch erleichtern. So kann er sich in die Lage eines Schwerhörigen hineinversetzen, wenn er z. B. versucht, mit schwachem Schulenglisch einer lebhaften amerikanischen Gesprächsrunde zu folgen. Bis er Einzelheiten dechiffriert hat, ist das Gespräch oft längst an ihm vorbeigeglitten, und er ist faktisch davon - wie auch von denen, die es bestreiten - ausgeschlossen. Ein ähnliches Problem kennen viele Gymnasiasten aus ihrem Latein- oder Griechischunterricht. Zu einem flüssigen, tieferen Sinnverständnis von Caesar, Ovid oder Homer sind sie meist niemals vorgedrungen, weil sie bereits in der Anstrengung um das Verständnis der Symbole (Vokabeln, Grammatik) ihre Kräfte verbraucht haben.
Solche Selbsterfahrungen können als Schlüssel zum Verständnis dafür dienen, was Schwerhörigsein im alltäglichen Leben bedeutet. So ist die Situation eines Schwerhörigen in der Begegnung mit Hörenden gut vergleich bar mit der jenes Teilnehmers an einer amerikanischen Gesprächsrunde, und die Anstrengungen eines um Absehen bemühten Hörbehinderten ähneln denen eines Schülers im Latein- oder Griechischunterricht. Absehen ist nie ein rein visueller Erkenntnisakt, sondern immer auch ein Vorgang des kombinatorischen Denkens, des prüfenden Abwägens von logischen Wahrscheinlichkeiten sowie der simultanen gedanklichen Rekonstruktion visuell-akustischer Wahrnehmungsfragmente. Selbst der im Absehen geübte Schwerhörige wird im Gespräch mit mehreren Personen meist nur »Satzinseln« direkt verstehen und sich den komplettierenden Redetext nach dem Prinzip des Naheliegenden und Wahrscheinlichen sinngemäß erschließen müssen - mit der unvermeidlichen Gefahr des Miss- und Unverständnisses. Denn viele Informationen fließen auch dann noch an ihm vorbei und entziehen sich seiner rationalen Verarbeitung, was vor allem mit den phonetischen Eigenarten unserer Lautsprache zusammenhängt, deren Silben und Wörter unterschiedlich leicht bzw. mehr oder weniger eindeutig vom Mundbild abzulesen sind. Für verschiedene Laute (z. B. mund b, n und d) sehen die Sprechbewegungen sehr ähnlich aus, andere lassen sich mit größerer Deutlichkeit und Eindeutigkeit am Mundbild unterscheiden. Allgemein wird die Absehbarkeit eines Wortes um so schwieriger, je weiter seine Artikulationsstelle in der hinteren Mundhöhle liegt, während vorwiegend an den Lippen gebildete Phoneme vergleichsweise einfach abzulesen sind. Dazu kommt, dass der Erfolg des Absehens in der Praxis auch immer von der Sprechweise des hörenden Partners (insbesondere Schnelligkeit und Artikulation) und von bestimmten Verhaltensrücksichten (FrontalsteIlung und genügende Ausleuchtung des Gesichts, räumlicher Abstand) abhängig ist, was dem Hörbehinderten die unvermeidliche Forderung auferlegt, seine Umgebung über die eigene Behinderung und deren Kompensationsmöglichkeiten nicht im unklaren zu lassen.
Die psychische Seite von Schwerhörigkeit
Schon das bloße Leiserhören bei Schalleitungsschwerhörigkeit bedingt charakteristische Schreckhaftigkeiten, die sich über den Augenblick hinaus störend auswirken.
Nach eigenen Feststellungen leidet jeder zweite erwachsene Schwerhörige unter häufigen psychovegetativen Beschwerden, zu denen vor allem nervöse Reizbarkeit und Erschöpfbarkeit, Wetterfühligkeit, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Kreislauflabilität und Herzbeschwerden zu zählen sind. Diese besondere Leidensbetroffenheit überschreitet bei weitem das Störungsniveau in gleichaltrigen Vergleichsgruppen von Hörenden.
Ist bei einem Schwerhörigen die Schallempfindung (aufgrund von Erkrankungen der Sinneszellen im Innenohr) gestört, so verliert die schon leiser gehörte Außensprache zusätzlich noch ihren vertrauten, natürlichen Klang, was gesteigerte Unsicherheit und - meist im Verlaufeinen schwerwiegenden Verlust an normalem Umweltvertrauen und »natürlicher Selbstverständlichkeit« bedingt.
Unsicherheit (mit sich selbst und im Verhältnis zur Umwelt) ist mehr als ein Nicht-sicher-Wissen. Unsicherheit als begleitendes Lebensgefühl- das bedeutet, dass man nicht mehr so selbstverständlich, so fraglos, mit so unreflektiertem Vertrauen wie zuvor leben kann.
Vertrauen hat eine viel zu wenig beachtete, fundamentale soziale Entlastungsfunktion in unserem Leben. Im Alltag hilft es uns, komplexe soziale Abläufe ohne viel Nachdenken voraussehbar und handhabbar zu machen. Indem wir dank Vertrauen alles Denkbare und Mögliche auf das bloß Wahrscheinliche und Naheliegende reduzieren, wahren wir letztlich unsere Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit.
Der Schwerhörige, der nie sicher sein kann, ob er richtig versteht oder richtig verstanden wird, lebt zwangsläufig mit dem allgegenwärtigen Stachel des Zweifels und - des Misstrauens.
Früh oder spät erworbene Hörbehinderungen können, trotz gleicher Grundstörung, ganz unterschiedliche Leidensformen, Konfliktbelastungen und Lebenserschwernisse nach sich ziehen. Wer nie ein intaktes Hörvermögen besessen hat, dem ist Schwerhörigkeit eine vergleichsweise eher vertraute, akzeptierte und selbstverständliche persönliche Erlebnis- und Leistungsnorm. Späthörgeschädigte, vor allem wenn sie ihre Behinderung in den Reifejahren oder in der Lebensmitte erlitten haben, leiden dagegen vermehrt unter dem schmerzlichen Verlust früherer Normalität.
Nur wer viel besessen hat, kann auch viel verlieren! Diese Erkenntnis erklärt und begründet, warum Späthörgeschädigte so zahlreich und folgenschwer durch psychische, psychosomatische und soziale Störungen behindert sind. Unter biographischen Gesichtspunkten ist ihre Behinderung vergleichbar mit einem »Knick in der Lebenslinie«, der dazu zwingt, viele vertraute Selbstverständlichkeiten des Verhaltens aufzugeben und auf viele weit entwickelte Lebensentfaltungen und Zukunftspläne zu verzichten. Fast stets trifft zu, dass man nicht mehr sein kann, was man einst war, und dass man nicht mehr werden kann, was man einst berechtigt hoffen durfte.
Gleichermaßen kennzeichnend wie deprimierend ist für jene Betroffenen ein Leiden, das sich ergibt aus dem Gefühl des Ausgeschlossenseins von der Welt der Hörenden, der man früher eng verbunden war. Es ist Leiden an einem Zustand, den wir Vereinsamung nennen. Einsamkeit verwirklicht sich ja nicht im Bereich äußerer objektiver Gegebenheiten wie z. B. fehlender räumlicher Nähe zu Mitmenschen. Man kann sich in Gegenwart anderer unendlich einsam fühlen und im Alleinsein große Geborgenheit empfinden. Einsamkeit entwickelt sich stets aus dem Verlust der inneren Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, weil diese ihre tragende Glaubwürdigkeit verloren hat.
Genau das ist es, was Schwerhörige besonders beim Zusammensein mit anderen Menschen, sei es am Arbeitsplatz, am Stammtisch oder bei einer Familienfeier, Einsamkeit empfinden lässt: Das Gefühl des Ausgeschlossenseins aus der Gemeinschaft des Augenblicks. »Solche Ereignisse«, schrieb der schwerhörige Beethoven in seinem berühmten Heiligenstädter Testament, »brachten mich nahe an Verzweiflung; es fehlte wenig, und ich endigte selbst mein Leben... Oh Menschen, wenn ihr einst dieses leset, so denkt, das ihr mir unrecht getan«.
Werner Richtberg
