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Sonderschule

Früherkennung und Diagnose - Förderung - Therapie Verbesserung der Situation der "Lernbehinderten"

08. August 2000 "Lernbehinderung"

Die Fähigkeit zu lernen ist nun in unserer Gesellschaft eine Schlüsselqualifikation geworden - für alle. Sie ist ein Garant für den persönlichen Erfolg und damit für den sozialen Status! Viele sind in unserer Gesellschaft während ihres gesamten Lebens von "Störungen des Lernens" betroffen, diese Störungen werden zum gesellschaftlichen Phänomen. Es gibt Zahlen, nach denen in der BRD insgesamt etwa 4 Millionen überhaupt nicht und mindestens zusätzlich noch doppelt so viele, also darüber hinaus noch etwa 8 Millionen nicht sinnerfassend lesen können. Eine äußerst bedenkliche Entwicklung!

Was ist nun eine "Lernbehinderung"?

Der Begriff "Lernbehinderung" ist in seiner geschichtlichen Entwicklung ein schulischer Begriff. Er entstand in einer Zeit, als zu dem Begriff "Behinderung" noch keine größeren Berührungsprobleme entstanden. In dieser Tradition wurde die "Lernbehinderung" über die schulische Lernleistung definiert. Diejenigen, die sich mit dieser "Behinderung" befaßten waren fast ausschließlich Lehrer, denn die Probleme traten vordergründig nur in den Lebensbereichen auf, in denen Lernen gefordert wurde, nämlich in der Schulzeit. Der Arbeitsmarkt bot in der Vergangenheit viele Arbeiten mit einfachen Anforderungen, so daß der Eindruck entstand, daß die Kinder durch den Einsatz der "Heilpädagogen" nach Ende der Schulzeit als "geheilt" entlassen werden konnten und sich damit die "Lernbehinderung" nach Ende der Schulzeit aufgelöst hätte. Es entstand auch die Illusion, daß man nur durch ausreichendes wiederholen, durch umfangreichere pädagogische Arbeit, durch Fleiß dem Kind vieles "beibringen" könne.

Die "Lernbehinderung" ist nun in unserem Schulsystem die häufigste Behinderung. Eine allgemeingültige, wissenschaftlich fundierte Definition gibt es nicht: Lernbehindert ist, wer die Lernbehinderten-Schule besucht!

Allgemeine, aber gleichzeitig diffuse Kriterien für eine Diagnose und damit die Grundlage für die Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs sind im Augenblick Lernschwäche, Lernbeeinträchtigung, Lernstörung, Verhaltensauffälligkeit, Verhaltensstörung u.v.m.!

Unter diesen Voraussetzungen steht nun die Schulbehörde vor dem Problem, trotzdem mit "allgemeingültigen" Verfahren die Überweisung an die Sonderschule zu rechtfertigen. Man bedient sich daher der psychologischen Testverfahren (Intelligenztests). Als Grundlage für den Besuch einer Regelschule nimmt man den vermeintlichen Normwert des Intelligenzquotienten - IQ 100, für den Besuch der Lernbehindertenschule werden die Werte zwischen ca. 60 bis 90 und für den Besuch der Geistigbehinderten-Schule die Werte unter 60 gewertet.

Diese Testverfahren haben eine Streubreite von mehr als 40 Punkten bei der Feststellung des "Intelligenzquotienten", sie sind auch vorhersagbar! - mit fatalen Konsequenzen.

Wenn nun die Erziehungswissenschaften bisher nicht in der Lage waren, allgemeingültig die "Lernbehinderung" zu definieren, so trifft dies noch viel mehr auf diese psychologischen Intelligenzermittlungsverfahren zu. Dies ist bekannt, trotzdem werden sie von den Schulbehörden als allgemeingültig anerkannte Verfahren betrachtet, ganz einfach, weil sich kaum jemand mit diesen Verfahren von seiten der betroffenen Kinder und Eltern ernsthaft damit auseinander setzen kann. Unter diesen Bedingungen sind diese psychologischen Testverfahren das schlimmste Stigma, das unser Schulsystem einem Kind anhängen kann!

Der "Lernbehinderte" wird dieses Stigma quasi als allgemeingültiges Warnsignal in allen Lebensbereichen künftig vor sich her tragen und was noch viel schlimmer ist, dieses Gefühl "dumm" und damit wertlos zu sein, verinnerlichen.

Gerade dies, so sollte man meinen, müßten Schulräte, Schulärzte und insbesondere die Schulpsychologen wissen, Ihre Handlungsweise zeigt aber, daß sie hiervon oft weit entfernt sind! - Sie benötigen eine "wissenschaftlich fundierte" Grundlage, mit der sie den Widerstand der Eltern gegen eine Überweisung an die Sonderschule schon im Keim ersticken können. Der Diskriminierungsmechanismus wird dann noch dadurch verstärkt, daß in dieser Situation offen oder subtil "Schuldvorwürfe" an die Eltern herangetragen werden.

Eine gravierende "Störung" in diesen Mechanismen ist nun insbesondere durch die Integrationsbewegung eingetreten:

Die Eltern setzen sich in der Gesellschaft offen mit den Problemen und Beeinträchtigungen ihrer Kinder auseinander,

Diese Forderungen gehen nun dem Grunde nach sehr tief, sie gehen an die Grundrechte des Einzelnen!

Was aber bedeuten diese Punkte konkret bei der "Lernbehinderung"?

Die Erziehungs- und Kognitionswissenschaften aber auch die neurologischen Fachgebiete sind inzwischen in der Lage, die kindlichen Entwicklungs- und Lernprozesse bis in die kleinsten Schritte zu definieren. Daraus folgert, daß man in der Lage ist, bei den Kindern schon frühzeitig Störungen der Entwicklungsprozesse zu erkennen um damit durch eine frühzeitige Diagnose geeignete Therapien und Fördermöglichkeiten einzuleiten.

Die menschliche Wahrnehmung, die die Grundlage darstellt, um überhaupt mit der Umwelt zu kommunizieren (unsere fünf Sinne!) sind nun soweit erforscht, daß man in der Lage ist, auch Erfahrungs-, Wahrnehmungsstörungen und in Folge davon auch Lernstörungen zu erkennen. Dies erfordert aber eine ganzheitliche Betrachtungsweise, insbesondere bei Kindern, bei denen solche Störungen auftreten.

Leider ist in unserem Gesundheitssystem schwerlich ein Platz für eine ganzheitliche Diagnose zu finden. Ärzte kennen höchst selten den Zusammenhang zwischen Störungen der Motorik und der tatktil-kinestäthischen Wahrnehmung (Fühlen). Ohrenärzte sind zwar in der Lage, Hörtests durchzuführen, daß aber bis zum Hörverstehen trotzdem noch ein weiter Weg ist (auditive Wahrnehmung) ist vielen unbekannt! Ebenso verhält es sich mit der visuellen Wahrnehmung (Sehen und Verarbeitung des Gesehenen).

Infolge von Störungen in diesen Bereichen haben Kinder mit diesen Problemen auch gravierende Probleme mit Gedächtnisleistungen.

Nur eine umfassend funktionierende Wahrnehmung aller Sinne ist die Grundlage für spätere Schreib-, Lese- und Rechenfähigkeiten.

Um dies zu verdeutlichen möchte ich Ihnen Beispiele aufführen:

taktil-kinesthetische Wahrnehmung (Fühlen, Bewegungswahrnehmung, Gleichgewicht, Raum- und Zeitsinn)

Ein Kind vertauscht den rechten und den linken Schuh. Die Umwelt macht es darauf aufmerksam. Dies geht nun nicht ein oder zwei Wochen so, sondern über Monate.

In der Ergotherapie wird den Eltern erklärt, daß das Kind die Schuhe aufgrund der Störung des Fühlens nur dann fühlt, wenn sie vertauscht sind und dadurch verstärkter Druck ausgeübt wird. Also ist es nun unsinnig, dem Kind den Unterschied zwischen rechts und links zu erklären, in der Ergotherapie wird das Fühlen verbessert, das Kind zieht nach kurzer Zeit seine Schuhe richtig an!

auditive Wahrnehmung (Hören und Hörverstehen)

Die neurologische Forschung ist inzwischen in der Lage, Hörbahnstörungen meßtechnisch nachzuweisen.

Um diese Störung zu verdeutlichen kann ich Ihnen auch ein Beispiel, das einige vielleicht schon selbst erlebt haben, erklären:

Sie sind in Frankreich, Ihr Schulfranzösisch reicht gerade aus, um einige Brocken in der Umgangssprache zu verstehen. Bei einer touristischen Führung wollen sie Ihrem Begleiter übersetzen, was der Reiseführer erzählt. Ein oder zwei Sätze übersetzen Sie, dann verstehen Sie einige Worte nicht, einige andere kennen Sie nicht, sie überlegen - und schon sind Sie hoffnungslos mit dem Verstehen und in Folge davon mit der Übersetzung im Hintertreffen.

So oder zumindest so ähnlich geht es Menschen ständig, die mit dem Hörverstehen, also mit der auditiven Wahrnehmung, Probleme haben. Sie sind nicht in der Lage, dann diesen "akustischen Brei" differenziert wahrzunehmen. Sie gelten rasch als "dumm", weil man diese Störung nicht versteht. (Die Begriffe "taub" und "doof" gehen im Althochdeutschen auf den gleichen Wortstamm zurück!).

visuelle Wahrnehmung (Sehen) Auch visuelle Wahrnehmung ist weit mehr, als die rein optische Abbildung der Umwelt. Auch hier kommen viele Faktoren zusammen, die die Grundlage unter anderem für die Lese- und Schreibfähigkeiten darstellen. Auch hier ein Beispiel: Kinder mit motorischen Störungen können große Probleme mit der Blicksteuerung haben, d.h. sie sind nicht in der Lage, in einer Textzeile den Anfang zu erfassen und mit der motorischen Steuerung der Augenbewegung die Zeile abzutasten, so daß dadurch ein normales Lesen möglich wäre. Eine Unterstützung durch diverse Hilfsmittel, wie größere Schriften und Zeilenabstände, Markierungen, Leselupen

u.v.m sind hier geeignete Hilfsmittel.

Olfaktorische Wahrnehmung (Geruchssinn) und gustatorische Wahrnehmung (Geschmackssinn)

Diese beiden Sinne treten als Grundlage für spätere schulischen Leistungen etwas in den Hintergrund. Ihre Bedeutung in der Gesamtwahrnehmung, der sensorischen Integration, also der Zusammenführung der Sinneseindrücke, darf jedoch trotzdem nicht unterschätzt werden. Sie stellen im kindlichen Lernprozeß ebenfalls wichtige Faktoren zur Erkennung, zur Klassifizierung und zur Speicherung des Wahrgenommenen dar, wobei der Geruchssinn sehr stark an die Grenzen des Unterbewußten reicht.

Was Sie nicht richtig und vollständig wahrnehmen (mit allen Sinnen!) können Sie nicht einordnen, nicht gedanklich verarbeiten und demzufolge nicht oder nur schwerlich behalten.

Streß ist auch für die Lernprozesse ein nicht zu unterschätzender Faktor. Dieser urzeitliche Mechanismus unseres Körpers, der ursprünglich dem Menschen in Gefahrensituationen helfen konnte, schärft alle Sinne gleichzeitig - eine selektive Wahrnehmung ist dann ausgeschlossen.

Was aber bedeutet dies für ein Kind mit Entwicklungsstörungen? Das Kind merkt sehr früh selbst, daß es Probleme mit seiner Wahrnehmung hat, ist jedoch nicht in der Lage, dies auszudrücken. Bestimmte Probleme werden von seiner Umwelt nicht wahrgenommen und auch nicht verstanden, so daß das Kind in den unterschiedlichsten Situationen immer wieder unter Druck, u.U. auch in Angst gerät. Dann tritt Streß auf, Adrenalin wird ausgeschüttet, und plötzlich laufen alle Sinne auf Hochtouren. Das Kind ist nicht mehr in der Lage, solange diese Hormonausschüttung anhält und nachwirkt, selektiv wahrzunehmen, es wird unruhig und müßte nun dem Grunde nach diesen Streß durch Bewegung abbauen. Eine fatale Folge für den Unterricht!

Zunächst muß ausgeschlossen werden, das es sich um Lernblockaden psychosozialer Natur handelt.

Wichtig ist grundsätzlich eine frühzeitige Abklärung der Wahrnehmungsstörungen - schon lange vor der Schulzeit. Nur dann ist man in der Lage, das Kind mit seinen Beeinträchtigungen zu verstehen.

Die Erziehungswissenschaften gehen nun schon lange nicht mehr von einer defizitorientierten, sondern von einer ressourcenorientierten Förderung aus.

Trotzdem ist eine gezielte Förderung des Lese- und Rechenlernprozesses für das spätere Leben sehr wichtig. Sollte man nun dem Kind durch ständiges Wiederholen ständig seine Defizite vorführen - oder wäre es nicht besser basale Fähigkeiten nach Möglichkeit nachzuholen um damit überhaupt erst die Grundlage für diese Lernprozesse auszubauen und dadurch zu stabilisieren und parallel dazu die Stärken des Kindes hervorzuheben? Es ist mit Sicherheit eine Gratwanderung.

Es bedarf daher einer Abstimmung aller an der Förderung beteiligten Personen, also der Eltern, Früherzieher, der Lehrer und Sonderpädagogen und auch der Therapeuten!

Wenn nun alle an der Erziehung und Förderung des Kindes beteiligten die Entwicklungsstörungen verstehen können, so ist die Grundlage für eine richtige Förderung gelegt. Das psychologische Testverfahren mit der Aussage eines fraglichen Intelligenzwertes ist dann nicht notwendig, ja sogar fehl am Platze. Wenn überhaupt Psychologen eingeschaltet werden, sollten diese ihrer eigentlichen Aufgabe nachkommen, nämlich der umfassenden Beratung der Eltern, die in dieser Situation ohnehin stark belastet sind - aber auch der Lehrer. Damit sind jedoch viele Schulpsychologen überfordert, ja sie betrachten im konkreten Fall ihre Arbeit als erledigt, nachdem der sonderpädagogische Förderbedarf festgestellt und damit der Schulweg des Kindes festgeschrieben ist.

Zur Verbesserung der Situation der "Lernbehinderten" fordere ich:

Aufbau eines Netzwerkes zur Früherkennung und Diagnose

Abschaffung der psychologischen Testverfahren

Neue Strukturen bei der sonderpädagogischen Begutachtung

- d.h. ressourcenorientierte - statt defizitorientierte Begutachtung und damit auch entsprechende Förderung

Verbesserung der Beratung der Eltern

Autor: Helmut Dörr
E-Mail : DoerrHelmut@AOL.com

Autor: Kn | Photos: - | Letzte Aktualisierung: 20.05.2008<< Vorherige Seite || Nächste Seite >>