Reflexionen zu Compassion 2009

13. November 2009

„Alles scheiße...“ - Diesen Gedanken hatten viele von uns, bevor das Praktikum anfing. Das einzig Positive, das wir dem Compassion-Projekt vor Beginn abgewinnen konnten, waren die drei Wochen „unterrichtsfrei“, die ins Haus standen und unsere Ferien vermeintlich verlängerten. Das lag auch nicht zuletzt daran, dass sich – seien wir doch mal ehrlich – kaum einer von uns etwas Konkretes darunter vorstellen konnte.
Es waren völlig unterschiedliche Praktikumsstellen, auf die wir uns Ende Oktober verteilten, von der Behindertenwerkstatt über das Krankenhaus, vom Kindergarten bis zum Seniorenheim. Während die einen im Pflegebereich tatsächlich Windeln wechseln mussten (und sich ihre Anfangsvermutung damit teilweise bestätigte), führten andere gepflegte Plauderstündchen mit der älteren Generation, und Dank der modernen Kommunikationsmittel blieb die enorme Spannbreite des Compassion-Projektes nicht lange verborgen.
Vielen von uns wurde aber rasch so manches klar, z.B. dass sich der Tagesablauf eines Schülers doch merklich von jenem eines im sozialen Bereich Tätigen unterscheidet: Während unser Schulalltag frühestens (bei manchem auch schleichend) um 8:05 Uhr beginnt und in der Regel schon gegen 13:00 Uhr endet, waren viele von uns nicht wenig überrascht, dass es auch jenseits dieser Zeiten etwas zu tun gibt: Dass der Wecker auch schon mal um 5:30 Uhr klingelt, weil eine Stunde später Dienstbeginn ist, dass um 13:00 Uhr gerade mal die Mittagspause eingeläutet wird und dass um 17:00 Uhr bisweilen immer noch nicht Feierabend ist, war für manchen eine durchaus harte Begegnung mit der Realität in diesem Berufsfeld. Und trotzdem: Vielen von uns hat diese Begegnung mit der Wirklichkeit einen Durchblick ermöglicht, der sich theoretisch nicht vermitteln lässt. Und Freude haben diese drei Wochen auch bereitet.
Freude? - Ja, denn neben den „berufstechnischen“ Kenntnissen, die im Rahmen des Projektes erworben werden konnten, waren es doch vor allem die zwischenmenschlichen, ja oft sehr persönlichen Grenzerfahrungen, das „Über-den-Tellerrand-schauen“, das uns auf eindrucksvolle Weise weiter gebracht hat. Angstfrei mit behinderten Menschen umzugehen, bisweilen Ekelgefühle zu überwinden, Betreuten das Essen anzureichen oder einfach nur mit Kindern zu spielen – und damit völlig ungeniert positive Emotionen zu zeigen, all dies sind Dinge, die in der heutigen Gesellschaft nicht leicht fallen und viel zu selten vorkommen.
Besonders beeindruckend aber war es zu erleben, wie vertrauensvoll und offen Kinder, Kranke oder Bedüftige auf unsere Hilfe reagierten und wie unmittelbar wir – auch von unseren Ausbildern – aufgenommen wurden. Erschütternd aber war es auch zu erfahren, wie groß mittlerweile die Mängel in unserem Sozialsystem, in dem an allen Ecken und Enden gespart wird, sind. Kein Tag verging ohne Gespräche über chronische Unterbesetzung, Überlastung des Personals und das Fehlen von „frischen“ Kräften. Da kommt jede noch so kleine Hilfe gelegen, und unsere Hilfe war noch nicht einmal so gering, was man vor allem an den Reaktionen unserer Mitarbeiter ablesen konnte, die unsere Hilfe als echte Entlastung betrachteten.
Wenn wir uns nun wieder in den Schulalltag stürzen, dann dürfte sich unser Blickwinkel auf die Gesellschaft, die uns umgibt, wohl doch ein wenig verändert haben, was ja auch eines der wesentlichen Ziele des Compassion-Projektes gewesen sein sollte. Ja vielleicht sind wir auch ein Stück weit reifer geworden. Stellt sich also die Frage: Compassion - Wirklich „alles scheiße“?

Autor: Arbeitsgruppe Homepage | Photos: - | Letzte Aktualisierung: 15.11.2009