Fronleichnam 2010
Wenn wir den Kalender 800 Jahre zurückfahren könnten
dann würden wir uns über Vieles wundern. Zum Beispiel darüber, dass außer dem Priester in der Messe niemand kommunizierte. Die Ehrfurcht vor der Eucharistie und die Angst, sie unwürdig zu empfangen, führte dazu, sie aus lauter Vorsicht nicht zu empfangen. Daher beginnt man in dieser Zeit, nach der Wandlung die Hostie zu erheben, damit sie alle anschauen und verehren können – als Ersatz für die Kommunion. Die Messe war ein fremdes Geschehen für die Menschen geworden. Kein Wunder wiederum, dass man im 13./14. Jahrhundert etwa 10 % Kirchenbesucher schätzt und selbst gebildete Menschen die Kollekte für den wichtigsten Teil der Messe hielten. Sie sehen – soviel trennt uns nicht von den Schwestern und Brüdern in dieser Zeit! Aber immer, wenn der Glaube in Gefahr ist, schickt Gott Prophetinnen oder Propheten. So auch in dieser Situation. In einem Kloster der Augustinerinnen bei Lüttich in Belgien hat eine 16-jährige Nonne eine Vision. Sie sieht in der Kirche vor ihrem inneren Auge einen Vollmond mit einem schwarzen Fleck. Lange denkt sie über die Bedeutung dieses Bildes nach. Schließlich wird ihr klar, dass unter den Festen des Kirchenjahres eines fehlt: nämlich das von der heiligen Eucharistie. Deren Einsetzung feiern wir zwar am Gründonnerstag. Aber der Charakter der Karwoche lässt ein überschwängliches Fest nicht zu. Lange behält sie ihre Erkenntnis für sich. Mit 37 Jahren erst, es ist das Jahr 1230, erzählt sie davon. Und sie trifft auf wenig Gegenliebe. Im Kloster gibt es soviel Streit darüber, dass sie mit einigen Schwestern das Kloster verlässt und einige Jahre durch die Lande ziehen muss. Aber – was richtig ist, setzt sich schließlich durch. 1246 wird im Bistum Lüttich das Fronleichnamsfest eingeführt. 1264 wird es zum allgemeinen kirchlichen Fest erhoben. 1279 feiert man es in Köln zum ersten Mal mit einer Prozession. Als die Menschen in der Gefahr waren, das Wunder der Eucharistie in der Kirche zu verlieren, brachte man den Leib Christi zu ihnen in die Straßen der Stadt.
PFr. J. Göbel, aus der Fronleichnamspredigt 2007, veröffentlicht in Impulse 4/2007 (religiönspädagogische Zeitschrift hrg. vom Erzbistum Köln
