Die Kirchen vor und nach der Wende
02. März 2010
Dankbar für das Wunder
5. Kolloquium im Collegium Josephinum am o4. März 2o1o.
Prominente und hochrangige Referenten hatten für das diesjährige Kolloquium gewonnen werden können, um im 2o. Jahr seit der Wiedervereinigung über die Rolle der Kirchen vor und nach der Wende zu sprechen und miteinander zu diskutieren.
Herr Dr. Dr. Klassen von der KDB „Sigfridia“ zu Bonn, die in bewährter Zusammenarbeit zu dieser Veranstaltung miteingeladen hatte, stellte in seiner sorgfältig recherchierten Einleitung kritische Nachfragen zum Verhalten der Kirchen im Sozialismus, ehe Herr Ministerpräsident a.D. Professor Dr. Bernhard Vogel als ZDK-Vorsitzender in der Zeit von 1972 bis 1976 von seinen Erfahrungen mit dem SED-Staat berichtete. Als Ministerpräsident von Thüringen seit 1992 hat Bernhard Vogel dann durch vertragliche Vereinbarungen mit den Kirchen in Thüringen dafür gesorgt, dass diese als Körperschaften öffentlichen Rechts eine verlässliche rechtliche Grundlage erhielten. Abschließend würdigte Bernhard Vogel noch einmal die historische Leistung der DDR-Bürger beim Sturz der SED-Diktatur, er sprach den Menschen im Osten, namentlich den Kirchen und den mit ihnen verbundenen Bürgerrechtsgruppen, seinen Dank für ihren Mut aus. Ebenso dankte er den Menschen im Westen für ihre so nie da gewesene Hilfsbereitschaft.
Diese Dankbarkeit über den friedlich verlaufenen Umbruch von 1989 äußerte auch Probst Reinhard Werneburg, Regionalbischof von Eisenach, der sowohl die Geschichte der evangelischen Kirche in Thüringen seit ihrer Gründung in den 2oer Jahren würdigte als auch eindringlich von Schikanen berichtete, denen er als junger Christ in der DDR ausgesetzt gewesen war.
Der Erfurter Weihbischof Dr. Norbert Hauke legte in seinem Vortrag den Schwerpunkt auf das Verhältnis zwischen dem Vatikan unter den Päpsten Paul VI. und Johannes Paul II. und dem Kommunismus. Während Paul VI. in Erwartung einer langen Periode kommunistischer Herrschaft das Arrangement mit den Regimes in Osteuropa betrieben hatte, um Erleichterungen für die Katholiken in diesen Ländern herauszuschlagen, führte Johannes Paul II. den Zusammenbruch der in seinen Augen nicht zukunftsfähigen Diktaturen mit herbei. Auch erzählte Bischof Hauke, jüngstes von 6 Geschwistern, von der stabilisierenden Rolle seiner Familie: In der Schule hätten die Werber für die Gewerkschaftsjugend gleich die Finger von ihm gelassen, weil „bei Haukes“ bekanntermaßen für die Sozialisten nichts zu holen gewesen sei.
Die Podiumsdiskussion unter der bewährten Leitung des Chefkorrespondenten a.D. des Bonner General-Anzeigers, Herrn Dr. Helmut Herles, der selbst im Thüringen der 5oer Jahre ausgewachsen ist, wandte sich dann der Gegenwart und den Zukunftsperspektiven der Kirchen in Thüringen zu. Helmut Herles pries noch einmal den friedlichen Verlauf der Revolution in der DDR als ein Wunder und warb bei den vielen anwesenden Schülern für ein Studium in Erfurt, Weimar oder Jena.
Die kommunistische Kirchenfeindschaft - man denke noch die nationalsozialistische Diktatur hinzu - hat in Thüringen ein weitgehend entchristlichtes Umfeld hinterlassen, in der die Kirchen zu Missionskirchen geworden sind. Probst Werneburg machte geltend, dass die evangelischen Kirchen gerade durch den Verlust christlicher Festtraditionen erfinderisch geworden seien und neue Wege zu den Herzen der Menschen beschritten. Weihbischof Hauke hat sich z. B. überregional einen Namen dadurch gemacht, dass er mit niederschwelligen Angeboten auch für ungetaufte Jugendliche, z. B. Gottesdiensten zur Jugendweihe, viele Menschen in die Kirchen gelockt hat.
Mit dem Schluss-Statement von Bernhard Vogel endete ein sehr lehrreicher, in Teilen auch ergreifender Abend unter dem freundlichen Applaus der rund 15o Gäste.
Unser herzlicher Dank gilt allen, die dieses Kolloquium möglich gemacht, vorbereitet und durchgeführt haben. So mühsam es auch manchmal erscheinen mag, die Schulgemeinde für solch anspruchsvolle Vortrags- und Gesprächsabende zu gewinnen, so wollen wir unseren Schülern und unseren Gästen auch weiterhin eindrucksvolle Persönlichkeiten und bedeutsame Themen anbieten.
Dr. Manfred Sieburg